Handlungsräume im neoliberalen Kapitalismus
Aneignung im Kontext von Prekarisierung und Globalen Sozialen Rechten
Drei Begriffe sind für die linken Debatten im Zuge der aufkommenden
sozialen Kämpfe in der BRD prägend: Prekarisierung, Globale
Soziale Rechte und Aneignung. Für unterschiedlichste Akteure scheinen
die Begriffe geeignet, um die momentane Situation zu beschreiben. Es
gibt offenbar unterschiedliche Lesarten der Begriffe. Die Ähnlichkeiten
der geführten Diskurse haben auch deshalb bisher nur zarte Ansätze
einer gemeinsamen Praxis hervorgebracht. Die Autoren stellen in dem
folgenden Beitrag ihr Verständnis der Begriffe und ihre Erfahrungen
in der Arbeit mit diesen Begriffen zur Diskussion und wenden sich gegen
ein rein Ökonomistisches Verständnis von Prekarisierung.
Prekarisierung nicht nur im Call-Center
Warum Prekarisierung? Prekarisierung beschreibt im Unterschied
zu prekär statt einer Zustandsbeschreibung vor allem
einen gesellschaftlichen Prozess, in dem das dynamische Moment des neoliberalen
Angriffs auf unser Leben in den Vordergrund gestellt wird. Prekarisierung
passiert nicht, sie wird von Subjekten und Strukturen produziert und
ist damit veränderbar. Prekarisierung beschreibt die für alle
wahrnehmbare Entrechtung, Vereinzelung, Demoralisierung und allgegenwärtige
Verunsicherung unserer Leben und Kämpfe. Sie grenzt unsere Handlungsräume
überall dort ein, wo sie nicht der kapitalistischen Verwertungslogik
dienen, sie ist repressiv und hemmt unsere Auflehnung gegen sie. Die
Benennung von diesem Prozess als Prekarisierung setzt dort an, wo Grenzen
alltäglich gesetzt werden und wahrnehmbar sind. Bereits die Artikulation
von Prekarisierung beginnt über die Grenzen hinauszuweisen, indem
sie die Grenzsetzungen als Angriffe auf unser Leben brandmarkt Im Gegensatz
zu Neoliberalismus und Postfordismus kann von Prekarisierung in der
ersten Person gesprochen werden. Sie beschreibt kein abstraktes Herrschaftsverhältnis,
sondern setzt an den alltäglichen Erfahrungen der Subjekte an.
Aufgrund dieser Struktur des Begriffs halten wir Prekarisierung für
einen tauglichen Kampfbegriff im neoliberalen Kapitalismus. Dafür
ist eine weitere analytische Differenzierung der Prekarisierung notwendig.
Oft wird Prekarisierung nur auf die Beschreibung des neoliberalen Umbaus
der Lohnarbeit in den Metropolen verkürzt und damit auf ihre Ökonomische
Komponente reduziert. Wir schlagen stattdessen eine Erweiterung der
Prekarisierung um die Dimensionen kulturell und politisch vor.
Die fortlaufende Ökonomische Prekarisierung, zu der schon viel
geschrieben und diskutiert wurde, wird besonders und unmittelbar sichtbar
bei den sowieso schon Marginalisierten: MigrantInnen, Frauen und Erwerbslose
sind in Europa besonders von ökonomischer Prekarisierung angegriffen.
Gleichzeitig greift die ökonomische Prekarisierung aber auch in
den fordistischen Normalarbeitsverhältnissen weißer,
männlicher Facharbeiter um sich ständig in der Situation
von Flexploitation ist eine langfristige Sicherung der ökonomischen
Reproduktion nicht möglich.
Kulturelle Prekarisierung findet in allen gesellschaftlichen Bereichen
statt und bedeutet ein Gefühl tiefer individualisierter Verunsicherung.
Betroffen sind wir alle von den sozialen Teilungs- und Vereinzelungsmechanismen:
Am Arbeitsplatz, in der Arbeitsagentur (ab 3.1. geschlossen), in Beziehungen,
in Uni, Schule und Ausbildung wird unser soziales Handeln immer mehr
vom neoliberalen Konkurrenz-Prinzip organisiert. Diese kulturelle Prekarisierung
bedeutet, dass wir durch unser tägliches Handeln das hegemoniale
Menschenbild im Kapitalismus weiter verschärfen: die Vorstellung
einer Gesellschaft von würdevoll zusammenlebenden Menschen gelangt
so erst gar nicht ins Blickfeld. An immer mehr Orten und immer intensiver
wird uns gepredigt, internalisieren wir und predigen wir schließlich
selbst, dass wir nur etwas wert sind, wenn wir erfolgreicher, schÖner,
flexibler, effizienter funktionieren, als alle anderen wenn wir
im totalen Wettbewerb bestehen. Wer dem nicht genügt oder genügen
will, scheint das eigene Recht auf ein würdevolles Leben verwirkt
zu haben. All das, was wir so sehr an uns Menschen als sozialen Wesen
schätzen Freundschaften, liebevolle Beziehungen zueinander,
Solidarität und letztendlich auch unser Selbstwertgefühl
werden von der Prekarisierung angegriffen.
Damit einher geht die Politische Prekarisierung: Auf diese Art entrechtet
und vereinzelt, wird es schwer für uns, die Prekarisierung als
politisches, strukturelles Problem zu sehen. Wir suchen nur noch nach
individuellen LÖsungsstrategien für die Dilemma-Staus in unseren
KÖpfen und unseren Leben. Statt uns politisch zu organisieren,
die Befriedigung unserer Bedürfnisse und unser Recht auf ein würdevolles
Leben offensiv und kollektiv einzufordern und explizit subversiv zu
sein, ziehen wir uns schamerfüllt ob unseres empfundenen Versagens
in die Passivität und die Einsamkeit zurück. Statt der emanzipatorischen
Gestaltung der Verhältnisse als Selbstgesetzgebung leben wir die
Eigenverantwortung. Diese Entdemokratisierung befÖrdert
das ständige Ausspielen der von Prekarisierung Angegriffenen gegeneinander
und verhindert so die Kollektivierung von Widerständigkeiten gegen
das, was uns allen angetan wird. Unser täglicher berlebenskampf
gegen die Ökonomische und kulturelle Prekarisierung vereinnahmt
unsere Kräfte so sehr, dass wir scheinbar der MÖglichkeit
beraubt werden, gemeinsam Alternativen zu denken und für diese
zu kämpfen.
Ausgehend von dieser (mindestens) dreidimensionalen Lesart der Prekarisierung
als umfassendem Prozess wird es uns mÖglich, unsere unterschiedlichen
Kämpfe in und gegen Prekarisierung jenseits von Haupt- und Nebenwidersprüchen
als gemeinsame zu denken und zu führen. Ein derartiges Verständnis
der Prekarisierung jenseits Ökonomistischer Verkürzung verweist
auf die Gleichwertigkeit unserer Kämpfe und verbietet deren Hierarchisierung.
Da wir unsere Verhältnisse als umfassende Verunsicherung verstehen,
uns als unterdrückte, bettelnde, begehrende und entrechtete Subjekte
wahrnehmen, stellt sich die Frage nach Gegenstrategien, aber vor allem
auch nach einer Klammer, die die unterschiedlichen Widerstände
gegen Kapitalismus und fortschreitende Prekarisierung auf der ganzen
Welt fassen kann. Diese Klammer finden wir in der Forderung nach Globalen
Sozialen Rechten wieder. Sie sind eine Grundlage für die
Ausformulierung des Rechtes auf Rechte, des Rechtes auf ein selbstbestimmtes
Leben.
Soziale Rechte Weltweit
Dieses Recht auf Rechte ist für uns die Legitimierung unseres
Bedürfnisses nach einem Leben in Würde. Es ist das Fundament,
das uns als politische und widerständige Subjekte konstituiert
und uns eine Stimme verleiht. Das würdevolle Leben formuliert als
unser Recht, bietet einerseits die nÖtige Offenheit um fragend
voran zu schreiten und andererseits die emanzipatorische gegen-hegemoniale
Richtung unserer Kämpfe.
Der Begriff Globale Soziale Rechte wird allzu oft nur im
Kontext bürgerlicher Rechtsauffassung als Bittstellung in Unterworfenheit
verstanden. Aber auch eine staatsbezogene Forderung nach Rechten ist
nicht falsch. Weil wir nicht unabhängig sind, weil wir nicht außerhalb
einer staatlichen Verfasstheit leben und kämpfen, fordern wir auch
vom Staat die Erfüllung unserer Bedürfnisse ein. Wir verfallen
dabei nicht reformistischen und etatistischen Illusionen, sondern treffen
mit unserer Praxis bis tief ins Herz des hegemonialen Politikverständnisses,
das gerade in Konfrontation mit dem Staat, der uns die Realisierung
unserer Rechte verwehrt, dekonstruiert werden kann. Mit dem Recht auf
diese Rechte treten wir dem Staat also nicht prekarisiert gegenüber,
sondern brüllen ihm selbstbewusst unsere Forderungen entgegen.
Doch dabei bleiben wir nicht stehen.
Mit einem Ansatz an der Betroffenheit und der Befindlichkeit über
den Begriff des Rechts kÖnnen unsere vielfältigen Kämpfe
in der Forderung nach Globalen Sozialen Rechten Ausdruck finden. Der
Ansatz ermÖglicht unterschiedliche Vorstellungen und Ausrichtungen
zu erfassen, die nach den jeweiligen geographischen, kulturellen und
unmittelbaren Befindlichkeiten und Bedürfnissen differenziert sind,
diese Pluralität aber trotzdem solidarisch zu vereinen. Unsere
verschiedenen Kampfsituationen und -richtungen sind so eine gemeinsame
Bewegung. Wir sehen in dem Kampf um Globale Soziale Rechte die Identität
der globalisierungskritischen Bewegungen und das konstituierende Moment
der Bewegung der Bewegungen. In dieser Identität gewinnt der Begriff
eine utopische Reichweite für die globalen Bewegungen, ohne interne
Herrschaftsverhältnisse zu verwischen und ohne die Bewegungen zu
homogenisieren oder zu idealisieren.
Wir befinden uns mit unserem Begriff im steten Spannungsverhältnis
zwischen der Sehnsucht nach der Realisierung unserer Rechte und der
Einsicht, dass wir nur bekommen, wofür wir kämpfen... und
was wir uns aneignen.
Das Ende der Bescheidenheit
Ein Verständnis von Bewegung im Kontext von Prekarisierung
also der Zunahme und Verschiebung von Begrenzung und Verunsicherung
rückt die Notwendigkeit der Erschließung von Handlungsräumen,
in denen Widerständigkeit wachsen kann, ins Zentrum. Die handlungsbefähigende
Öffnung von widerständigen Räumen begreifen wir als Aneignung.
Im Sinne des Fragend Voranschreitens greifen wir mit dieser Öffnung
dem Begriff der Globalen Sozialen Rechte vor.
Aneignung kann eine bloße berlebensstrategie unter den
Bedingungen der Prekarisierung sein, die kaum Potenzial hat, über
sich selbst und aus der Vereinzelung hinauszuweisen. Dann wäre
sie unter das neoliberale Dogma der Eigenverantwortung subsummierbar
und nichts weiter als ein Durchwursteln durch die Verhältnisse.
Uns erscheint es offensichtlich, Aneignung weiter zu verstehen: sie
ist die Praxis von Bewegung, deren zentrales Moment. Sie ist sowohl
die Praxis, die uns aus dem Geschehen-Lassen in eine sprechende Position
bringt, indem sie die Rechtmäßigkeit unseres Handelns manifestiert.
Sie ist aber auch eine strategische Herangehensweise an die jeweiligen
Probleme mit dem Ziel der VergrÖßerung von Handlungsräumen
gemeinsamer Widerständigkeit, die sich in der Prekarisierung nicht
erschließen, sondern die ihr abgerungen werden müssen. Es
gibt niemanden, der uns die Handlungsräume geben könnte
keine Partei, keinen Staat sondern wir müssen sie uns selber
nehmen. Die Aneignung ist unsere pragmatische Antwort auf die Kluft
zwischen dem Druck der Prekarisierung und unserem Begehren nach einem
guten Leben, nach dem, was der Begriff Globale Soziale Rechte symbolisiert.
Wir nehmen uns, was nicht gegeben wird.
Wir nehmen uns Raum und Zeit. Wir nehmen uns die Öffentlichkeit,
wir nehmen uns die Straßen, wir nehmen uns die materiellen Grundlagen
für unsere Kämpfe, wir nehmen uns die Diskurse und die Wörter.
Wir leben unsere Würde, indem wir kämpfen. Alle diese Praktiken
vereinen in sich das Moment der Aneignung: Wir nehmen uns, was uns der
neoliberale Kapitalismus verwehrt.
Prekarisierung in ihrer Vielschichtigkeit ist ein Angriff des neoliberalen
Kapitalismus auf unser Leben, und auf all diesen Ebenen müssen
wir uns die Bedingungen für ein emanzipiertes Leben in Würde
aneignen. Diese Vielschichtigkeit der Widerständigkeiten ist mit
der bloß ökonomischen Lesart der Prekarisierung nicht erfassbar.
Aus prekarisierten Subjekten kÖnnen durch Aneignungspraktiken in
Bewegung handlungsfähige Subjekte werden. Wir schaffen uns Handlungsräume
für Widerständigkeiten im neoliberalen Kapitalismus. Darin
liegt unsere Kampfhoffnung.
Autoren: Lukas Engelmann, Lutz Fricke, Max Bitzer, Paul Buntzel (alle
aktiv bei Attac-Berlin)
bei sämtlichen hier veröffentlichten Texten
gehen wir aus verschiedenen Gründen davon aus, dass keinerlei Copyright
vorliegt. Sollte ein Missverständnis vorliegen, meldet euch bitte
bei precarity@prekarisierung.de Allen anderen danken wir ungefragt für
die Möglichkeit der Veröffentlichung.
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