Precarias a la deriva
Streifzüge durch die Kreisläufe feminisierter prekärer
Arbeit
[2004]
Synopsis: Wir sind prekarisiert. Das bedeutet ein paar gute Dinge
(die Akkumulierung unterschiedlichen Wissens und von verschiedenen Fähigkeiten
und Kompetenzen durch eine sich ständig neu konstituie-rende Arbeit
und Lebenserfahrung) und eine Menge negativer Dinge (Verletzlichkeit,
Unsicherheit, Armut, soziale Gefährdung). Doch unsere Situationen
sind so unterschiedlich, so singulär, dass es uns schwer fällt,
den gemeinsamen Nenner zu finden, von dem wir ausgehen könnten,
oder die eindeutigen Unter-schiede, durch die wir einander bereichern
könnten. Es ist schwierig für uns, uns auf der gemeinsamen
Basis von Prekärität auszudrücken und zu definieren,
einer Prekarität, die auf eine eindeutige kollektive Identität
verzichtet, in der sie sich simplifiziert und verteidigt, die aber nach
einer Form der gemeinsamen Verortung verlangt. Wir müssen über
die Entbehrungen und den Exzess unserer Lebens- und Arbeitssitu-ationen
sprechen, um der neoliberalen Fragmentierung zu entkommen, die uns von
einander trennt, schwächt und zu Opfern von Angst, Ausbeutung oder
dem Egoismus des "jede für sich allein" macht. Allem
voran wollen wir durch die Aufnahme eines gemeinsamen und kreativen
Kampfs die kollektive Schaffung alternativer Lebensentwürfe ermöglichen.
Aus der Einladung zur Teilnahme an der ersten deriva, Oktober 2002.
Precarias a la Deriva ist eine Initiative zwischen Forschung und Aktivismus,
die aus dem feministischen Sozialzentrum La Eskalera Karakola in Madrid
ursprünglich als Antwort auf den Generalstreik in Spanien im Juni
2002 hervorging. Konfrontiert mit einer Mobilisierung, die unsere fragmentierte,
informelle und unsichtbare Arbeit nicht repräsentierte unsere
Jobs wurden weder von den Gewerkschaften, die den Streik ausgerufen
hatten, noch von der diesen auslösenden Gesetzgebung berücksichtigt
beschloss eine Gruppe von Frauen, den Streiktag zusammen zu verbringen,
gemeinsam durch die Stadt zu ziehen, die klassische Streikpostenkette
in eine Streikpostenuntersuchung umzuwandeln und mit Frauen über
ihre Arbeit und ihr Leben zu sprechen: Streikst du? Warum? Unter welchen
Bedingungen arbeitest du? Welche Instrumente stehen dir zur Verfügung,
um mit dir ungerecht erscheinenden Situationen umzugehen?
Aus dieser ersten tastenden Erfahrung entstand der Impuls zu einem
kontinuierlichen Forschungsprojekt. Es war klar, dass wir ein Instrumentarium
brauchen, um über die neuen Arbeitsformen zu sprechen und in ein
Arbeitsfeld zu intervenieren, das oft nicht einmal einen Namen hat.
Deshalb begannen wir, dieses Feld zu vermessen - immer mit einem Auge
auf die Möglichkeit des Konflikts. Das ist ein Gebot des Überlebens,
das aus unseren eigenen Bedürfnissen entsteht: Bedürfnissen
nach Netzwerken, die die Ein-samkeit durchbrechen, und nach Worten,
mit denen wir über das sprechen können, was mit uns geschieht.
Aber wer sind "wir"? Wir gehen aus von einer vorläufigen
Kategorie, einer Intuition beinahe: Können wir Prekarität
als gemeinsame Bezeichnung für unsere verschiedenen und singulären
Situationen verwenden? Wie können wir nach gemeinsamen Namen suchen
und gleichzeitig Singularitäten anerkennen, Allianzen bilden und
dabei Unterschiede verstehen? Eine Freelance-Designerin und eine Sexarbeiterin
haben be-stimmte Dinge wie die Unberechenbarkeit und Ausgesetztheit
ihrer Arbeit, das Ineinanderübergehen von Arbeit und Leben sowie
den Einsatz von Fähigkeiten und Wissen, die nicht quantifizierbar
sind, gemein-sam. Aber ebenso eindeutig ist der Unterschied in Bezug
auf soziale Anerkennung und den Grad der Ver-letzlichkeit. Wie sollen
wir unsere gemeinsamen Bedürfnisse artikulieren, ohne auf eine
Identität zurück-zufallen und ohne unsere jeweiligen Situationen
zu nivellieren und zu homogenisieren?
Statt still zu sitzen und all diese Zweifel beizulegen, entschieden
wir uns loszuziehen und uns unterwegs damit auseinander zu setzen. Wir
wählten eine Methode, die uns auf verschiedenen Wegen durch die
urbanen Kreisläufe feminisierter prekärer Arbeit führte,
einander gegenseitig unsere Alltagsumgebungen zeigend, in der ersten
Person sprechend, Erfahrungen austauschend und gemeinsam reflektierend.
Diese derivas durch die Stadt widersetzen sich der Trennung von Arbeit
und Leben, Produktion und Reproduk-tion, öffentlich und privat,
und zeichnen so das raum-zeitliche Kontinuum unserer Existenzen, die
dop-pelten (oder multiplen) Präsenzen, nach. Konkreter: Über
einige Monate hindurch wanderte eine offene, sich verändernde,
Gruppe von uns fast jede Woche durch die wichtigsten Orte des täglichen
Lebens von Frauen (uns selbst, unseren Freundinnen und engen Bekannten),
die in prekären und in hohem Maße feminisierten Bereichen
tätig sind: Spracharbeit (Übersetzen und Unterrichten), Hausarbeit,
Call Centers, Sexarbeit, Gastronomie, Sozialarbeit, Medienproduktion.
Um unsere Reflexionen etwas zu strukturieren, wählten wir einige
Achsen partikulärer und gemeinsamer Interessen, die uns leiten
sollten: Grenzen, Mobilität, Einkommen, Körper, Wissen und
Beziehungen, unternehmerische Logik, Konflikt. Sprechend und reflektierend,
die Videokamera und das Aufnahmegerät in der Hand, zogen wir los
mit der Hoffnung, die Erfahrung und die Hypothesen, die wir daraus gewinnen
würden, weitergeben zu können, wobei wir unsere eigene Kommunikation
nicht nur als Mittel der Verbreitung, sondern als primäres politisches
Ma-terial ernst nahmen.
Die Erfahrung war unglaublich reich und auch ein wenig überwältigend.
Die Fragen vervielfältigen sich, wenig ist sicher. Aber einige
vorläufige Hypothesen bildeten sich heraus. Erstens wissen wir,
dass Preka-rität nicht auf die Arbeitswelt beschränkt ist.
Wir ziehen vor, sie als eine Verbindung von materiellen und symbolischen
Bedingungen zu beschreiben, die eine Unsicherheit in Bezug auf den nachhaltigen
Zugang zu den grundlegenden Ressourcen für die volle Entwicklung
des Lebens bestimmen. Diese Definition er-möglicht es uns, die
Dichotomien von öffentlich/privat und Produktion/Reproduktion zu
überwinden und die Verbindung zwischen dem Sozialen und dem Ökonomischen
zu erkennen. Zweitens wollen wir Preka-rität weniger als Zustand
oder festgeschriebene Position ("prekarisiert sein"), sondern
als Tendenz den-ken. Tatsächlich ist Prekarität nicht neu,
der Großteil der von Frauen verrichteten Arbeit - bezahlt und
unbezahlt - war immer schon prekär. Was neu ist, ist der Prozess,
durch den sie sich auf immer mehr gesellschaftliche Bereiche ausdehnt,
zwar nicht in einer einheitlichen Form (schwerlich ließe sich
eine starre oder präzise Linie zwischen den "prekarisierten"
und den "abgesicherten" Teilen der Bevölkerung zu ziehen),
aber als allgemeine Tendenz. Statt von einem Zustand der Prekarität
sprechen wir deshalb lieber von "Prekarisierung" als einem
Prozess, der die gesamte Gesellschaft betrifft - mit verheerenden Konsequenzen
für das Sozialgefüge. Drittens ist der Ort des Zusammenschlusses
(und vielleicht des "Kampfes") mobiler und prekarisierter
Arbeiterinnen nicht notwendigerweise der Arbeitsplatz (wie auch, wenn
dieser oft gleichzeitig das eigene Zuhause oder das einer anderen ist,
oder er alle paar Monate wechselt, und die Chance, mit einem Team von
KollegInnen lange genug zusammenzuarbeiten, um ein-ander kennen zu lernen,
1:1000 ist?), sondern das großstädtische Umfeld, durch das
wir täglich navigie-ren, mit seinen Werbeflächen und Einkaufszentren,
mit seinem Fast Food, das wie Luft schmeckt, und jeder Menge sinnlosen
Verträgen.
Zusätzlich zu diesen ersten Hypothesen und einem Berg von Zweifeln
haben wir ein paar Ideen, wo wir als nächstes ansetzen wollen.
Erstens, und auch dank unserer Workshops zum Thema "Globalisierte
Pfle-gearbeit", ist es uns gelungen, einige Angriffspunkte zu erarbeiten.
Die Krise der Pflegearbeit, oder bes-ser die politische Artikulation
dieser Tatsache, die uns alle betrifft - auf der einen wie der anderen
Seite des Ozeans -, ist einer dieser Punkte. Wir glauben nicht, dass
es eine einfache Form gibt, mit dieser Frage umzugehen, bzw. eine einzige
Formel wie Grundsicherung, Bezahlung von Hausfrauen, Arbeitstei-lung
oder ähnliches. Jede Lösung wird verknüpft werden müssen,
denn es ist ein verschütteter und viel-schichtiger Konflikt, der
Themen wie Migrationspolitik, die Konzeption sozialer Dienstleistungen,
Arbeits-bedingungen, Familienstrukturen, Affekt etc. umfasst, die wir
in ihrer Gesamtheit, aber unter Berücksich-tigung ihrer Besonderheiten
angehen müssen. Und dann gibt es unsere Faszination von der Welt
der Sexarbeit, auf die wir allmählich gestoßen sind, und
die uns wiederum in einer komplexen Landkarte ver-ortet, wo wir Migrationspolitik
und Arbeitsrecht ebenso wie imaginäre Rechte berücksichtigen
müssen. Es gibt hier ein Kontinuum, das wir vorläufig Pflege-Sex-Aufmerksamkeit
nennen, und das einen Großteil der Tätigkeiten in allen von
uns untersuchten Bereichen umfasst. Affekt, in all seinen Quantitäten
und Quali-täten, steht hier im Zentrum einer Verkettung von Orten,
Kreisläufen, Familien, Bevölkerungen, etc. Diese Verkettungen
produzieren so unterschiedliche Phänomene und Strategien wie virtuell
arrangierte Ehen, Sextourismus, Heirat als Mittel der Weitergabe von
Rechten, die Ethnifizierung von Sex und Pflege-arbeit oder die Herausbildung
mehrfacher und transnationaler Haushalte.
Zweitens haben wir über die Notwendigkeit gesprochen, Slogans
zu produzieren, die alle diese Punkte beschreiben können; frühere
sind uns zu eingeschränkt, zu allgemein und zu vage. Im letzten
Workshop zu "Globalisierter Pflegearbeit" stellten wir fest,
dass einige dieser Slogans uns zu Räumen führen könn-ten,
die so ambivalent, aber auch so notwendig sind wie die erneuerte Forderung,
Kinder haben und auf-ziehen zu können, und die gleichzeitige Entwicklung
eines radikalen Diskurses über die Familie als Me-chanismus der
Kontrolle, der Abhängigkeit und der Kulpabilisierung von Frauen.
Drittens zeigt sich deutlich, dass es notwendig ist, Orte der Versammlung
zu schaffen. Gerade der Pro-zess des Durch-die-Stadt-Ziehens hat uns
veranlasst, dem verweigerten Recht der Selbstverortung einen höheren
Wert beizumessen. Wenn diese Verortung an einem mobilen und sich verändernden
Arbeitsplatz nicht stattfinden kann, müssen wir offenere und weniger
definierte Räume innerhalb dieses Stadt-Unter-nehmens schaffen.
Das Laboratorio de Trabajadores, das wir einrichten wollen, würde
als operativer Raum/Moment fungieren, um mit unseren Konflikten, Ressourcen
(rechtliche Ressourcen, Arbeit, Infor-mation, gegenseitige Unterstützung
und Betreuung, Unterkunft, etc.), Informationen und unserer Gesel-ligkeit
zusammenzukommen und damit Bewegung und Reflexion zu schaffen. Eine
gute Idee, und eine schwierige: Wir denken derzeit nicht nur über
die praktischen Aspekte nach, sondern vor allem über seine Kapazität
als Verbindungs- und Mobilisierungspunkt für Frauen aus so verschiedenen
Bereichen wie Haushalt und Call Center.
Viertens hoffen wir, die von uns im Laufe dieses Prozesses herausgebildeten
lokalen und internationalen Allianzen zu stärken. Ein Buch und
ein Video, die wir gerade publiziert haben, sind als Mittel dafür
ge-dacht. Mit dem Video können wir an die Orte, die wir im Laufe
des letzten Jahres durchwandert haben, zurückkehren, zu den Gesundheitszentren
und Nachbarschaftsvereinen auf der Plaza und im Cyberspace, um die Gespräche,
die wir begonnen haben, weiterzuführen.
Fünftens unterstreichen wir die Bedeutung öffentlicher Äußerungen
und der Sichtbarkeit: Wenn wir die soziale Atomisierung durchbrechen
wollen, müssen wir uns wirksam in den öffentlichen Raum einmi-schen,
andere Slogans in Umlauf bringen, große Ereignisse produzieren,
Prekarität als Konflikt platzieren und sie mit Fragen der Pflege
und Sexualität verknüpfen. Es gibt einige Ideen, noch nicht
ganz ausge-reifte Möglichkeiten dieser Art der Intervention sowohl
auf lokaler als auch internationaler Ebene, die wir gemeinsam mit den
vielen Frauen und Kollektiven, mit denen wir bisher in Kontakt waren,
verfolgen wollen. Derzeit stellen wir drei Typen latenter - bzw. existenter,
aber unsichtbarer oder bisher nur indivi-dueller - Konflikte fest: 1.
verallgemeinertes Fernbleiben von nicht-professioneller Arbeit (Telemarketing,
Einzelhandel in großen Ladenketten und Dienstleistungen), 2. die
Forderung nach anderen Inhalten und anderen Formen in prekären
Berufen (Krankenpflege, Kommunikationsbereich) und 3. die Forderung
nach Anerkennung in traditionell unsichtbaren Berufen (Haus- und Sexarbeit).
Einerseits müssen wir eine Hybridisierung dieser Typen beachten,
andererseits müssen unsere Strategien auf die Ressourcen, Moda-litäten
und Möglichkeiten zurückgreifen, die diese spezifischen Arbeitsformen
bieten. Hier haben wir ei-nige interessante Experimente gesehen - von
rebellierenden Call-Shop-ArbeiterInnen bis zu den Medien-arbeiterInnen,
die die ihnen zur Verfügung stehenden Mittel für ganz andere
Mitteilungen nutzten -, und durch die Zusammenarbeit hoffen wir noch
mehr Experimente hervorzubringen.
Sechstens beginnen wir bewusst dem Bedürfnis zu begegnen, gemeinsame
ökonomische und infrastruk-turelle Ressourcen zu mobilisieren.
Wir wollen wie die Parteien in der Lage sein, Menschen zu "befreien":
von Illegalität befreien, von Prekarität befreien. Wir könnten
eine Heiratsagentur einrichten und den Ge-horsam verweigern, Dokumente
fälschen, raubkopieren, Schutzraum bieten und was auch immer uns
einfällt. Ebenso wie die meisten anderen Ideen auch brauchen wir
für jene eines Laboratorio de Trabajadores finanzielle Mittel.
Wir wollen aber weder in ein Star-System verfallen und nur herumfahren
und reden, anstatt das lokale Netzwerk, das so wichtig für uns
ist, weiterzuentwickeln, noch wollen wir von Subventionen abhängig
werden. Die für uns maßgeblichen Ressourcen sind ebenso immateriell
und affektiv wie materiell. Es geht uns darum, etwas für die Allgemeinheit
zu schaffen. Dafür ist es notwendig, Wissen und Netzwerke zu kollektivieren
und die Logik individueller Maximierung zu durchbrechen, an die uns
die intellektuellen Agenturen der Stadt von Ansehen gewöhnt haben.
Eines führt zum anderen. Von den derivas zu weiteren derivas,
von einzelnen Workshops zu tausenden mehr von Auseinandersetzungen und
Diskussionen, Demonstrationen, öffentlichen Räumen und der
Mög-lichkeit von Zusammenschlüssen. Über eine Politik
der Geste hinaus: Dichte, Geschichte, Verknüpfungen, Erzählung,
Orte .... wir werden weitermachen.
Übersetzung: Therese Kaufmann
http://www.sindominio.net/karakola/precarias.htm
Der Text wird in Feminist Review publiziert.
Precarias a la Deriva, A la deriva por los circuitos de la precariedad
feminina. Madrid: Traficantes de Sueños, 2004.
http://www.republicart.net
bei sämtlichen hier veröffentlichten Texten
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vorliegt. Sollte ein Missverständnis vorliegen, meldet euch bitte
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