Der Sozialkahlschlag: Perspektiven von oben
Gegenperspektiven von unten
Karl Heinz Roth
Der aktuelle Umbruch in Deutschland
Seit der berüchtigten Agenda 2010 der SPD-grünen-Regierung
wird auch in Deutschland der Sozialstaat unwiderruflich geschleift.
In allen seinen Funktionsbereichen findet eine pausenlos zugreifende
und arbeitsteilig abgestimmte Demontage statt. Der Sozialkahlschlag
konzentriert sich auf die Arbeitsmärkte, das Gesundheitswesen,
den Bildungssektor, die Altersrenten und die Migrationspolitik.
Durch die so genannten Hartz-Reformen (Deregulierungspaket I
IV der Hartz-Kommission der Bundesregierung) ist auf den Arbeitsmärkten
ein qualitativer Sprung eingeleitet worden, der weit reichende Folgen
haben wird. Die auf abhängige Erwerbsarbeit Angewiesenen werden
weitgehend entrechtet. Die Sozialfonds für Erwerblose werden auf
ein Minimum zusammengestrichen. Der Bezug der bisherigen Arbeitslosenhilfe
wird auf das Niveau der Sozialhilfe zurückgeführt und mit
dieser gleichgesetzt, und auf diese Weise nimmt das seit längerem
verfolgte Projekt der Arbeitserzwingung konkrete Gestalt an. Das Ergebnis
ist die massive Ausweitung des Sektors ungeschützter Arbeitsverhältnisse,
die schon jetzt mehr als die Hälfte des gesamten Arbeitsvolumens
ausmachen, und die endgültige Abkehr vom Modell der Kernbelegschaften.
Auch in Deutschland hält die Arbeitsarmut Einzug. Auf die weitgehende
Auflösung der Sozialfonds für Erwerbslose folgt die breite
Einführung eines Niedriglohnsektors.
Das Gesundheitswesen wird auf allen Strukturebenen um ein Drittel
demontiert und zugleich verteuert. Die Kranken sind seit Jahresbeginn
mit weiteren Gebührensteigerungen konfrontiert, die auf mehreren
Ebenen greifen. Auf diese Weise wird in allen Strukturbereichen die
Privatisierung vorangetrieben. Die Versicherungs- und Pharmakonzerne
übernehmen die Regie und unterwerfen das Gut Gesundheit einer an
der Rendite orientierten Rationierung.
Auch im Bildungssektor werden drastische Abbaumaßnahmen vorangetrieben.
Parallel dazu werden vor allem finanziell greifende Zugangshürden
errichtet. Die pluralistisch-demokratischen Strukturreste in Ausbildung
und Forschung sind Makulatur geworden und werden auch hier von den Berufsschulen
bis zu den Universitäten einer rasch um sich greifenden Privatisierungsoffensive
geopfert. Unter dem zunehmenden Anpassungs- und Selektionsdruck wächst
die Bereitschaft vieler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, ihre
Denk- und Forschungsstrukturen der Scheinlogik der Märkte zu unterwerfen.
Die Gefahr wächst, dass die in Jahrhunderten gewachsenen Fähigkeiten
zur kritischen Systemreflexion über die Geschichte und Perspektiven
der Gesellschaft beseitigt werden.
Inzwischen werden auch die Bezieher von Altersrenten in den Strudel
der Sozialdemontage hineingezogen. Durch hinterhältige Eingriffe
in die Leistungskataloge werden die Anwartschaftszeiten fortschreitend
verlängert, die Anrechnungszeiten für die Berufsausbildung
vollends gestrichen und die Zahlungen schrittweise auf unter 50 Prozent
des vorher erzielten Arbeitseinkommens gedrückt. Auch aus diesem
besonders sensiblen Kernbereich verabschiedet sich der Sozialstaat und
öffnet dem Versicherungskapital durch die Liquidierung des Generationenvertrags
und des Umlageverfahrens das Tor für den Zugriff auf die Ersparnisse
der kleinen Leute.
Im Gegensatz zu diesen dramatischen Angriffen auf die soziale Sicherheit
der Masse der Durchschnittsbevölkerung war die Marginalisierung
der Migrantinnen und Migranten schon im Verlauf der letzten fünfzehn
Jahre vorangetrieben worden. Die Gesellschaft hat sich an den Skandal
der Heimunterbringung, der Aufenthaltsbeschränkungen und der Abschiebeknäste
für Flüchtlinge gewöhnt . Bekanntlich wird aber an den
Minderheiten nur durchexerziert, was letztlich allen bevorsteht, und
deshalb wird sich die Hinnahme dieser brutalen Ausgrenzungsmaßnahmen
noch bitter rächen. Es ist jedenfalls ein bedrohliches Zeichen,
dass selbst die Einführung beschränkter Immigrationsregulierungen
unterbleibt,
Wenn wir diese Veränderungen in ihrem Zusammenwirken reflektieren,
dann fällt die Zwischenbilanz bitter aus. Der Bruch mit dem sozialen
Sicherungssystem findet jetzt auch zwischen Elbe und Oder statt, und
dabei ist es kein Trost, dass der Sozialkahlschlag trotz seiner Vorentwicklungen
seit den 1980er Jahren vergleichsweise spät zu greifen beginnt.
Er hat bei der Masse der Löhne und Sozialeinkommen beziehenden
Bevölkerung genau so wie bei den durch den Umbau des Bildungswesens
betroffenen Jugendlichen eine tief greifende Desillusionierung und Verunsicherung
ausgelöst, und es ist zum erstenmal wieder zu breiteren Protestaktionen
gekommen. Es ist dringlich geworden, sich über die wahrscheinlichen
Folgen dieses sozialen Umbruchs Klarheit zu verschaffen.
Die aktuelle arbeits- und sozialpolitische Entwicklung kann indessen
erst in ihren internationalen Zusammenhängen richtig verstanden
werden, und deshalb beginne ich mit einigen Überlegungen und Hypothesen
über ihren globalen Kontext.
Der globale Kontext
In Deutschland wird gegenwärtig im Eiltempo nachgeholt, was in
den 1980er Jahren in den USA und Großbritannien unter Reagan und
Thatcher begonnen hatte und in den 1990er Jahren in Italien, Spanien,
Frankreich und der Schweiz sowie in den meisten Schwellen- und Transformationsländern
des kapitalistischen Weltsystems ausdifferenziert worden war. Dabei
sind in der Taktik des Vorgehens zwar gewisse nationale Differenzierungen
zu erkennen, die vor allem durch das unterschiedliche Ausmaß des
Widerstands gegen den Sozialabbau bedingt sind. Durch sie werden jedoch
die identischen Grundlinien nicht in Frage gestellt. Weltweit ist eine
Spirale der sozialpolitischen Demontage in Gang gekommen, die die bisherigen
strukturellen Unterschiede zwischen Metropolen, Semiperipherie und Peripherie
aus der Perspektive der arbeitenden Armen zunehmend verwischt. Zwar
bestehen aufgrund der unterschiedlichen Lebensstandards zu Beginn des
sozialen Angriffs auch heute noch erhebliche Unterschiede. Aber für
die Obdachlosen und Flüchtlinge ist es nicht mehr so entscheidend,
unter welchen Brückenpfeilern und in welchen Asylen sie dahinvegetieren.
Auch die deutsche Entwicklung ist Teil eines weltweiten Deregulierungskonzepts
des Kapitals und seiner internationalen Institutionen, das nicht neoliberal,
sondern neokonservativ und zutiefst reaktionär ist. Seit den 1980er
Jahren erobern die Kapital- und Finanzgruppen die sozialstaatlichen
Schalthebel. Sie verkehren die bisherige Richtung der Umverteilungsmechanismen
zur Existenzsicherung der Schwachen in ihr Gegenteil. Gleichzeitig erzwingen
sie in einem alle Nationalstaaten erfassenden Domino-Effekt eine massive
Senkung der Steuereinnahmen. Während die Budgets für die Sozialeinkommen
der Armen gedrosselt werden, erfahren die Etatposten für den Ausbau
des Repressionsapparats Polizei-, Gefängniswesen und Psychiatrie
einen rasanten Aufschwung. Die sozial ausgleichende linke
Hand der Staaten verkümmert zunehmend, und die Vordenker
und Akteure des neokonservativen Umbaus betonen die Notwendigkeit einer
starken Rechten, um die sozialen Desintegrationsfolgen ihres
Vorgehens vorbeugend unter Kontrolle zu bringen. Wer sich mit dem Elendsdasein
eines arbeitenden Armen nicht abfinden will und in die kriminalisierten
Sektoren der Schattenwirtschaft ausweicht, soll die Schlagkraft des
abstrafenden Repressionsstaats zu spüren bekommen.
Dieser Umbau war und ist nur möglich, weil sich die in den parlamentarischen
Repräsentationssystemen verankerten politischen Klassen aller Lager
den Strategien und Verheißungen des neokonservativen Zugriffs
unterworfen haben. Da sie sich selbst jedoch bei der Verabschiedung
ihrer sozialpolitischen Gesetzes- und Verordnungspakete von den nachteiligen
und existenziell verunsichernden Folgen ausnehmen, ist ihr Kotau mit
folgenreichen kollektiven Korruptionserscheinungen verbunden. Die kollektive
Selbstbevorteilung macht die politischen Klassen weithin sichtbar und
löst bei denjenigen, die unter der von ihnen dekretierten sozialen
Ungerechtigkeit zu leiden haben, Ressentiments und Hassgefühle
aus. Dies führt mittelfristig zu einer Demontage der repräsentativ-demokratischen
Systeme von innen heraus und kann gefährliche Folgen haben. Unter
diesen Vorzeichen erleben wir nun auch in Deutschland fünfzehn
Jahre nach Frankreich und zehn Jahre nach Italien die Selbstzerstörung
der Sozialdemokratie aller Varianten, wobei sich auch die PDS durch
ihre Beteiligung an der Berliner Stadtregierung und deren Kapitulation
vor den aus dem Kalten Krieg überkommenen Finanzspekulanten selbst
das Grab geschaufelt hat. Aber auch in solchen Ländern, in denen
wir es mit unbezweifelbar integren politischen Führungen zu tun
haben wie beispielsweise in Brasilien, scheint es keine Handlungsräume
für wirksame Gegeninitiativen mehr zu geben.
Die inneren Umwälzungen finden unter nicht weniger dramatischen
äußeren Rahmenbedingungen statt. Sie sind in die Formierung
eines neuen kollektiven Imperialismus eingebettet, der die Weltinstitutionen
an die militärische Weltherrschaft der USA anpasst und sich in
den strategischen Krisenzonen des Weltsystems mit Methoden festsetzt,
die an den klassischen Kolonialismus erinnern. Trotz aller Rivalitäten
unter den Großmächten scheint ein neues Netzwerk imperialistischer
Herrschaft zu entstehen, das innere Gegensätze ständig ausgleicht
und die gemeinsame Kontrolle über die strategischen Ressourcen
sowie die Stagnations- und Depressionsgebiete des Weltsystems durchsetzt.
Auch die Frage, in welchen Regionen als bedrohlich geltende Blockaden
gegen die Ausweitung der Wertschöpfung gewaltsam beseitigt werden
sollen, scheint trotz des jüngsten Alleingangs der angelsächsischen
Kriegskoalition gegen den Irak letztlich kollektiv entschieden zu werden
im Rahmen ultra-imperialistischer Abstimmungsverfahren,
wie sie Karl Kautsky ausgerechnet 1915/16, auf dem Höhepunkt eines
zerstörerischen Hegemonialkampfs der Großmächte, vorausgesehen
hatte.
Die Ziele des neokonservativen Projekts und die Folgen der Zerstörung
des bisherigen sozialstaatlichen Klassenkompromisses
Der innere Sozialkahlschlag und die veränderten äußeren
Weichenstellungen zur Regulierung des kapitalistischen Weltsystems sind
zweifellos zwei Seiten einer Medaille. Auf der Grundlage weltweit verschärfter
und zugleich kollektiv-gewalttätig abgesicherter Ausbeutungsverhältnisse
soll ein neues Akkumulationsregime durchgesetzt werden. Es unterscheidet
sich vom voraufgegangenen Zyklus vor allem dadurch, dass es die Vollbeschäftigungsmaxime
und das Massenkonsumversprechen des keynesianisch-fordistischen Zeitalters
durch ein System der strategischen Unterbeschäftigung ersetzt.
Weltweit soll zu Spottpreisen eine wirtschaftliche Reservearmee verfügbar
gemacht werden, und weltweit werden die sich vergrößernden
unverwertbaren Segmente der Massenarmut auf neue Weise ausgegrenzt und
eingefriedet. Die postkoloniale Bewegungsfreiheit der transkontinentalen
Massenmigrationen wird wieder aufgehoben. Die von den Migrantinnen und
Migranten erkämpfte Freizügigkeit stößt inzwischen
überall auf der Welt auf elektronische Grenzzäune und auf
weithin sichtbare Mauern. Diese Monumente einer neuen Ausschließungskultur
demonstrieren auf drastische Weise, dass die Annahme, die ungezügelte
Mobilität des Kapitalverkehrs würde auch eine neo-liberale
Freizügigkeit der Menschen hervorbringen, eine Illusion war. Nicht
nur in dieser Hinsicht hat sich der so genannte Neo-Liberalismus als
kompromisslos menschenfeindlicher Neo-Konservatismus entlarvt, der immer
unverhüllter auf autoritäre Herrschaftsmechanismen zurückgreift.
Zusätzlich soll dieses neu dimensionierte äußere Wachstumsmodell
langfristig durch eine innere Expansionsdynamik gesichert werden. Durch
diesen Weg in das Innere der Gesellschaften unterscheidet sich das gegenwärtige
Akkumulationsregime am weitesten von seinen Vorläufern. Denn seine
Planer und Vordenker sind sich der Tatsache bewusst, dass die letzten
noch verbliebenen äußeren Wachstumsquellen vor allem
die Rekonstruktionszone in Ostmitteleuropa und der gigantische late
comer China in zehn bis fünfzehn Jahren erschöpft sein
werden. Dann hat das kapitalistische Weltsystem endgültig einen
Zustand erreicht, in dem es sich die lebenden und toten Schätze
dieser Erde restlos einverleibt hat. Es ist an seine äußeren
Grenzen gestoßen, und damit entfällt eine der entscheidenden
Voraussetzungen seiner geschichtlichen Dynamik. Da aber der Expansionsdruck
einer endlosen Kapitalakkumulation (Immanuel Wallerstein)
das Wesen des Weltsystems ausmacht, wäre es zum Untergang verurteilt,
wenn ihm der Umschlag zu einer nach innen zurückschlagenden Dynamik
nicht gelingen sollte. Hier sehe ich die entscheidende Ursache für
die gnadenlose Härte, mit der die Planungs- und Aktionszentren
des Kapitalismus sich gegenwärtig die bisherigen allgemeinen
Produktionsbedingungen des Wachstums gesellschaftliche
Reproduktionssphären, soziale Sicherungssysteme, Infrastrukturen
und Bildungswesen aneignen.
Nun hat der Kapitalismus auch bei der Strukturierung der nationalstaatlichen
Volkswirtschaften schon immer eine entscheidende Rolle gespielt.
Aber der jetzige Umbruch signalisiert eine neue Qualität des Zugriffs.
Im Dienst der inneren Expansion wird die Agenda 2010 die
Kommodifizierung der Gesellschaft auf eine qualitativ neue
Stufe heben, indem im Dienst der nach innen umschlagenden Kapitalexpansion
jetzt allgemeine Alltagsbedürfnisse Bildung, Gesundheit,
Alterssicherung usw. hemmungslos privatisiert und unter das Diktat
der Rendite gestellt werden. Der Kapitalismus weitet seine Kontrolle
über den Produktions- und Verteilungssektor auf die Gesellschaft
aus und macht sie sich tributpflichtig. Er wandelt sich zu einem Kapitalismus
der Gebühren und Dienstleistungsrenditen, die er von Millionen
kleiner Einkommensbezieher eintreibt. Ein solches Akkumulationsmodell
wäre den Heroen des industriellen Kapitalismus selbst in ihren
wildesten Träumen nicht eingefallen.
Für die Mehrheit der Gesellschaft ist dieser Aufbruch des Kapitals
nach innen außerordentlich folgenreich. Alle, die
ihre Arbeitskraft vermieten müssen, um leben zu können, geraten
in allgemein ungesicherte Arbeitsverhältnisse. Als neue Form der
Vollbeschäftigung entsteht ein breiter Niedriglohnsektor.
Um ihr Dasein zu fristen, müssen immer mehr Menschen ihren Arbeitsalltag
nacheinander auf drei oder vier miserable Jobs verteilen. Ihre Arbeitszeiten
steigen dramatisch, während ihre Einkommen sinken. Sie sind zur
Arbeitsarmut bis ans Lebensende verurteilt Wer hätte es vor 20
Jahren für möglich gehalten, dass angesichts der rasanten
Produktivkraftentwicklung der Kampf für den Achtstundentag und
ein freies Wochenende jemals wieder zu einem Hauptanliegen der Assoziation
der Ausgebeuteten werden könnte?
Als besonders folgenreich werden sich die Eingriffe in das Bildungs-
und Wissenschaftssystem erwesen. Es entstehen neue Zugangsbarrieren
auf allen Ebenen. Wissenschaftliche Qualifikationen werden sich nur
noch die Kinder der einkommensstarken Gewinner des neokoneservativen
Umbruchs aneignen können. Mit dieser elitären
Neuorientierung wird die Marginalisierung des selbstkritischen gesellschaftlichen
Reflexionsvermögens einhergehen. Je stärker sich diese Tendenz
durchsetzt, desto höher wird der Preis sein, den die Gesellschaften
für ihren Rückfall in den Obskurantismus vor-aufklärerischer
Marktvergötzung und analphabetisierter Ressentiments zu zahlen
haben.
Ein weiterer Schritt zu Dehumanisierung des gesellschaftlichen Lebens
wird durch die Beschränkung des Zugangs zu den Ressourcen des Gesundheitswesens
eingeleitet. Wer kein ausreichendes Einkommen hat, um den Wechselfällen
einer schweren Erkrankung zu begegnen, wird seine gesamten Ersparnisse
in die Waagschale werfen oder auf die Errungenschaften der neuen
und kostspieligen - Gesundheitstechnologie verzichten müssen. Auf
diese Weise wird eine alte und bittere Parole wieder belebt: Weil Du
arm bist, musst Du früher sterben.
So erzeugt der nach innen expandierende Kapitalismus eine neue Massenarmut.
War es ihm im Verlauf des 18. und 19. Jahrhunderts gelungen, durch das
Ingangsetzen der Industrialisierung die gefährlichen Klassen
der Eigentumslosen in Arbeiterklasse und Subproletariat aufzuspalten,
so hat er heute, 200 Jahre später, damit begonnen, den umgekehrten
Weg einzuschlagen. Die Arbeitsproduktivität seiner Produktions-
und Verteilungssysteme ist heute derart angewachsen, dass zur Erzeugung
immer größerer Gütermengen immer weniger lebendige Arbeit
benötigt wird. Zugleich ist der Kapitalismus dazu übergegangen,
dort zu produzieren, wo die Arbeitskosten weltweit am geringsten sind.
Deshalb tritt seine Globalisierung zunehmend im Gewand einer
De-Industrialisierung der klassischen Akkumulationszentren in Erscheinung,
und die von den Propagandisten des Kapitals verhöhnte Marxsche
Verelendungstheorie realisiert sich unter umgekehrten Vorzeichen. Die
Massenarmut kehrt im Prozess der D-Industrialisierung in die Metropolen
zurück, und dabei scheint auch ihre historische Spaltung in Arbeiterklasse
und Subproletariat rückgängig gemacht zu werden. So betreten
die classes dangereuses wieder die historische Bühne.
Den Denkfabriken des Kapitals ist diese Tendenz nicht verborgen geblieben.
Schon in den 1980er Jahren sind die herrschenden Klassen der USA dazu
übergegangen, die Massenarmut vorbeugend zu filtern und ihre potentiell
gefährlichen Elemente hinter immer höheren Gefängnismauern
wegzuschließen. Im neuen Gulag-System der USA sind inzwischen
2,2 Millionen Menschen interniert, und weitere 7,8 Millionen unterliegen
der Justizaufsicht, das heißt sie können bei der geringsten
Unangepasstheit wieder inhaftiert werden. Diesem Trend sind die EU-Länder
bislang nur begrenzt gefolgt. In Deutschland und Italien ist statt dessen
eine weniger auffällige Technik der Ruhigstellung der Ausgegrenzten
und Gestrandeten in Gang gekommen. Sie werden entmündigt, psychiatrisiert
und anschließend von den gemeindepsychiatrischen Zentren kontrolliert
und medikamentös ruhig gestellt. Ihre Zahl hat sich in den letzten
fünf Jahren verdreifacht. Sicher hätten es sich die Väter
und Mütter der italienischen und deutschen Psychiatriereform nicht
träumen lassen, dass ihre in bester Absicht betriebenen Initiativen
zur Auflösung der großen Verwahranstalten und zur Durchsetzung
einer humaneren Gemeindepsychiatrie auf derart zynische Weise instrumentalisiert
werden könnten.
Wo man derartig mit der hausgemacht entstehenden Massenarmut
umgeht, haben die Flüchtlinge und Migrantinnen und Migranten ohnehin
keine Chance. In einem weit gesicherten europäischen beziehungsweise
zentralamerikanischen Vorfeld der Schengener Grenze
und dem neuen Grenzregime im Süden der USA werden sie inzwischen
vor dem Zutritt abgefangen. Soweit sie nicht umgehend deportiert werden,
wird die Bewegungsfreiheit der Zugewanderten drastisch beschnitten.
Gleichzeitig wird der erneuerte kollektive Kolonialismus die Menschen
der Peripherie auf ihren Subkontinenten wieder einfrieden. Wie dies
im einzelnen geschehen soll, wurde im Irakkrieg durchexerziert. Während
des Golfkriegs von 1990/91 waren unter den unfreien Migrationsarbeitern
der Golfstaaten und den irakischen Minderheiten noch Massenfluchten
ausgelöst worden. Im vergangenen Jahr sorgten die angelsächsischen
Expeditionstruppen dagegen in einem makabren Zusammenspiel mit den irakischen
Verwaltungsbürokratien dafür, dass Massenfluchten unterblieben.
Alles in allem haben wir ein Projekt zur Polarisierung und Re-Proletarisierung
w der Weltgesellschaft vor uns, die zum Spielball einer neuen Spirale
der endlosen Kapitalakkumulation geworden ist. Dieser Umbruch
erfolgt nicht spontan, sondern wird durch die Herrschaftszentren des
Weltsystems vorangetrieben. Jedoch ist es ziemlich wahrscheinlich, dass
sie in absehbarer Zeit die Kontrolle über ihn verlieren, und dass
das Weltsystem auf eine chaotische Transformationsperspektive zusteuert,
deren Ergebnis völlig ungewiss ist.
Wie unsicher sich die Akteure selbst über den Ausgang ihrer Transformationsinitiative
sind, bezeugt der Aufwand, den sie betreiben, um ihre Vorgehensweise
medial, sprachlich und ideologisch abzusichern. Die Reaktion definiert
sich als Reform, aus den Entmündigungsgesetzen werden
Betreuungsgesetze, und in Zeiten steigender Massenerwerbslosigkeit
werden die neuen Instrumente zur Arbeitserzwingung als aktivierende
Sozialpolitik verharmlost. Im Dienst dieser semantischen Umdeutungen
werden die Medien zum wichtigsten Scharnier zwischen den herrschenden
Kapitalgruppen, den Entscheidungsträgern der großen Transformation,
und den politischen Klassen als ihren Erfüllungsgehilfen. Tag für
Tag produzieren und reproduzieren die Medien semantische Verdrehungen
und visualisierte Lügen, um eine zweite, rein virtuelle Realität
hervorzubringen, welche die katastrophalen Folgen des Restaurationsprozesses
in Erfolgsberichte ummünzt. Wer nur im Reich dieser virtuellen
zweiten Wirklichkeit zu Hause ist, kann keine Erfahrungen mehr sammeln
und keine sozialen Lernprozesse mehr mitgestalten, weil er von seinen
Mitmenschen isoliert ist und die Wirklichkeit der harten sozioökonomischen
Tatsachen nicht mehr wahrnimmt. Diese beiden Funktionen erklären
die Macht der Medien: Sie haben die politischen Klassen einzugemeinden
und bei den Objekten der Restauration alle gesellschaftlichen Kommunikationsstrukturen,
die elementaren Voraussetzungen für soziale Lernprozesse, vorbeugend
zu zerstören. Dank der Medien ist der Kapitalismus in Dimensionen
der Gouvernementalität (Michel Foucault) hineingewachsen,
vor denen die Herrschaftsinstrumente der voraufgegangenen Akkumulationszyklen
verblassen. Er hat begonnen, die langen Dauern des Mentalitätswandels
zu manipulieren und zu verkürzen, indem er die bislang mit ihnen
verknüpft gewesenen gesellschaftlichen Erfahrungszusammenhänge
beseitigt.
Gegenperspektiven
Wie könnten die Umrisse einer Gegenperspektive aussehen, die
die Entschiedenheit zum Widerstand mit Vorstellungen über eine
humane und sozial gerechte Welt verbindet? Über diese Frage ist
inzwischen weltweit eine breite Diskussion in Gang gekommen, und sie
beginnt immer deutlichere Konturen anzunehmen.
Im Rahmen dieses Beitrags kann ich nur auf einige Aspekte verweisen,
die mir besonders wichtig erscheinen. Ich werde abschließend einige
Hypothesen über die elementaren Voraussetzungen eines neuen emanzipatorischen
Aufbruchs, über die Offenheit der aktuellen Situation und über
erste mögliche Handlungsansätze formulieren.
Die vier Voraussetzungen eines Gegenprogramms
Ansatzpunkte zu realistischen Gegenprogrammen und aussichtsreichen
Handlungsmöglichkeiten gibt es meines Erachtens nur noch in einer
internationalen Perspektive. Die Nationalstaaten und die aus ihnen hervorgegangenen
übernationalen Blockbildungen (EU, NAFTA usw.) sind der neokonservativen
Radikalisierung des kapitalistischen Weltsystems nicht mehr gewachsen.
Die Gegenperspektive sollte sich vor allem nicht in Block-Konzepte einbinden
lassen, denn dann würde sie nur Teil eines vielleicht noch gefährlicheren
Umschlags des globalisierten Netzwerkkapitalismus in katastrophale innerimperialistische
Machtkonflikte.
Zum zweiten bin ich davon überzeugt, dass die Eroberung der politischen
Macht kein Weg mehr ist, der zum emanzipatorischen Ziel hinführt.
Die traditionellen antiystemischen Bewegungen (Immanuel
Wallerstein) der Arbeiterbewegung wollten die gesellschaftliche Befreiung
über den Staat in Gang bringen und vollenden. Dieses Projekt ist
gescheitert. Aus dem Untergang des so genannten Realsozialismus können
wir nur noch lernen, vor welchen strategischen Fehlentscheidungen wir
uns hüten sollten. Auch aus dieser Perspektive sind der Nationalstaat
und die durch ihn begründeten Blockbildungen für uns kein
Adressat mehr.
Aussichtsreich erscheint mir deshalb nur noch ein breites soziales
Bündnis, das von den SubproletarierInnen der neuen Massenarmut
über die ungesichert Beschäftigten und die industrielle Arbeiterklasse
bis zu den selbständigen Arbeiterinnen und Arbeitern alle Verlierer
des Umbruchs einbezieht, also zwei Drittel bis drei Viertel der Gesellschaft.
Es gibt keine zentrale Arbeiterklasse mehr. In jedem Standort
werden andere Segmente des neuen Proletariats überwiegen, in den
Schwellenländern sicher auch einmal die Belegschaften großer
Industriebetriebe. Aber aus der Gesamtperspektive lässt sich keine
Priorität für eine spezifische Schicht seien es Erwerbslose,
Jobber, Scheinselbständige oder Industriearbeiterinnen und arbeiter
- mehr festlegen. Vielleicht hat die Festlegung der historischen Arbeiterbewegung
auf jene Klassensegmente, die aus zumeist männlichen freien Lohnarbeitern
bestanden beispielsweise die Facharbeiter oder die Massenarbeiter
des Fordismus , schon immer ihre Perspektiven und Aktionsmöglichkeiten
unnötig eingeengt.
Das Klassenbündnis aller derjenigen, die ihre Arbeitskraft vermieten
oder Sozialeinkommen beziehen müssen, um leben zu können,
ist viertens nur auf der Grundlage gemeinsamer Rahmenbedingungen und
Vereinbarungen möglich. Seine entscheidende Voraussetzung aber
ist und bleibt die konsequente innere Demokratie. Ich halte diese Hypothese
für besonders wichtig, und deshalb möchte ich sie etwas näher
erläutern:
a) Nur in basisdemokratischen Strukturen lässt sich die elementare
Forderung nach sozialer und politischer Gleichheit jenseits von Klasse,
Geschlecht und Ethnizität dauerhaft verwirklichen. Mit dieser Grundforderung
nehmen wir zugleich die Ziele vorweg, auf die sich eine Gegenperspektive
verständigern sollte: Keine Macht für niemand kein
Eigentum für niemand kulturelle Gleichberechtigung alles
Heterogenen.
b) Auf allen Ebenen des sich organisierenden Gegenprojekts sollte
ein konsequentes Delegations- und Rotationsprinzip durchgesetzt werden,
um die Entstehung neuer abgehobener Funktionärsschichten von vornherein
zu vermeiden. Diese Forderung erscheint banal. Aber wer sich nicht erst
seit gestern für emanzipatorische gesellschaftliche Perspektiven
engagiert, weiss, wie wichtig eine schon im Vorfeld des Neubeginns getroffene
Verabredung über diese Frage ist.
c) Das Bündnis hat nur dann eine Perspektive, wenn die inneren
Strukturen seiner Partner und Teilnehmer demokratisiert werden. Deshalb
sollten auf mittlere Sicht bei allen Bündnispartnern basisdemokratische
Strukturen geschaffen werden. Beispielsweise ist es sehr zu begrüßen,
dass einzelne DGB-Gewerkschaften inzwischen auf die Zusammenarbeit mit
den sozialen Bewegungen Wert legen. Für die Vertiefung zum Bündnis
wären jedoch einige Voraussetzungen zu klären, die keineswegs
auf die lange Bank geschoben werden können. So wären die extrem
hohen Gehälter der Gewerkschaftsspitzen auf ein vertretbares Niveau
zu senken. Sicher würde die Mehrheit dieser Spitzengruppe daraufhin
kündigen, aber dies wäre nur zu begrüßen, weil
sie qua Einkommen und Habitus nicht einer Gegenperspektive zuneigen,
sondern im Innersten der politischen Klasse der Deregulierer angehören.
Darüber hinaus sollten sich die Gewerkschaften von den Knebelungen
des Betriebsverfassungsgesetzes Stichwort: Aufsichtsratsmandate
und von der Mitbestimmung verabschieden, nachdem die Kapitalseite
den historischen Kompromiss von 1944 längst informell aufgekündigt
hat.
In allen diesen Fragen sollten wir uns keinen Illusionen hingeben
und nichts auf die lange Bank schieben. Auch die linken Gewerkschaftsgruppen
sollten sich einmal darüber Rechenschaft ablegen, inwieweit sie
von den Gewerkschaftszentralen nur deshalb toleriert werden, weil sie
einen für das Image unverzichtbaren Rest von Basis-Aktivismus aufrecht
erhalten. Letztlich werden sie aber nur nützliche Idioten bleiben
und immer auf der Stelle treten, solange sie nicht die Frage nach der
innergewerkschaftlichen Demokratie auf die Tagesordnung setzen. Solange
sind auch sie für die Masse der Beschäftigten unglaubwürdig
und werden zwischen der skeptischen Zurückhaltung der Belegschaften
und der Blockadepolitik der Gewerkschaftsleitungen zerrieben.
Die Offenheit einer emanzipatorischen Perspektive
Wir sind Teil eines seit über 500 Jahren bestehenden Systems,
das sich gegenwärtig in einem gravierenden Umbruch befindet, ohne
dass sich dabei irgendwelche historische Gesetzmäßigkeiten
ausfindig machen ließen, von denen wir ableiten könnten,
wohin die Reise gehen wird. Es ist völlig unklar, ob die als Deregulierung
bezeichnete Umlenkung der Kapitalakkumulation in das Innere der gesellschaftlichen
Reproduktion wirklich gelingt, denn dies würde zur Zerstörung
jeglicher Gesellschaftlichkeit führen. Genau so unsicher sind die
Chancen des Widerstands und einer darauf aufbauenden Gegenperspektive.
Selbst eine globale soziale Konfrontation ist denkbar, bei der sich
keine der beiden zentralen Konfliktparteien durchsetzt, so dass aus
der sich dann ergebenden Patt-Situation eine völlig neue Gesellschaftsformation
hervorgehen könnte, die weder etwas mit den Restaurationsvorstellungen
der kapitalistischen Denkfabriken noch mit unseren sozialistischen Erneuerungshoffnungen
zu tun hat. Die Richtung, die der Umbruch nehmen wird, ist deshalb völlig
offen. Gewiss wird der Widerstand gegen das seit Ende der siebziger
Jahre vorangetriebene neokonservative Projekt Massencharakter annehmen,
denn das ihm innewohnende Programm grundsätzlicher sozialer Ungleichheit
und Ungerechtigkeit ist für die große Mehrheit der Menschheit
unerträglich. Der Ausgang der Konfrontation ist jedoch völlig
offen: So offen, wie er es in der Großen Depression der 1930er
Jahre war. Damals waren Faschismus und zweiter Weltkrieg das traurige
Ergebnis. Heute sind chaotische Zustände wahrscheinlicher, die
sich unterhalb der Ebene weltweiter militärischer Konfrontationen
abspielen und in 20 bis 30 Jahren zu einer wie auch immer gewandelten
komplexen Gesellschaftsformation überleiten.
Auf jeden Fall bewegen wir uns auf ein Chaos zu. In dieser Phase der
Instabilität können auch kleinere Initiativen große
Wirkungen erzielen, wie Immanuel Wallerstein in seiner Utopistik
betont hat. Wenn wir uns klar machen, dass ein Durchbruch zu mehr sozialer
Gerechtigkeit und Gleichheit keineswegs gesetzmäßig ist;
wenn wir also die Falle der sich von selbst gesetzmäßig verwirklichenden
Utopie umgehen und mit einem möglichst großen
Maß an Skepsis vorgehen, haben wir noch am ehesten die Chance,
etwas zu bewirken. Gleichzeitig bewahren wir uns vor allzu großen
Desillusionierungen.
Umrisse einer neuen Vermittlung zwischen konkretem Handeln und Gegenperspektive
Bei jedem handlungsorientierten Ansatz wäre vom jeweiligen lokalen
Standort auszugehen, wo es handlungsbereite Menschen gibt
und ihre Assoziation zu einem Bündnis gegen den Sozialkahlschlag
möglich ist. Denn das vernetzte kapitalistische Weltsystem besteht
heute aus 700-800 Standorten plus jeweiligem Hinterland. Wenn wir uns
in diesen Standorten verankern, befinden wir uns innerhalb der entscheidenden
Nervenzentren des Weltsystems, von denen aus die Weltinstitutionen,
supranationalen Machtblöcke und Nationalstaaten dirigiert werden.
Je nach der sozialen Zusammensetzung der Standorte könnten im
Prozess des Aufbaus der ersten Kommunikationsnetze spezifische Aktionsformen
entwickelt und erprobt werden. Generell denkbar wären Initiativen
zur Durchsetzung eines existenzsichernden Mindestlohns, von radikaler
Arbeitszeitverkürzung und betrieblicher Demokratisierung. In unseren
Breiten könnte man hier an die Erfahrungen der Jobber- und Erwerbslosenbewegungen
der 1980er Jahre anknüpfen, aber auch an die Praxis der neuen italienischen
und französischen Basisgewerkschaften; die hiesige Gewerkschaftslinke
könnte hier ihren Platz finden, falls das Projekt der innergewerkschaftlichen
Demokratisierung misslingen sollte. Dass in vielen Schwellenländern
ganz andere Voraussetzungen bestehen und beispielsweise die in den maquiladores
ausgebeuteten Arbeiterinnen und Arbeiter eine wesentliche Rodle spielen
werden, versteht sich von selbst.
Parallel zu diesen Aktivitäten in der Produktions- und Verteilungssphäre
könnten Stadtteilbüros gegründet werden, in denen die
vom Sozialkahlschlag Betroffenen beraten werden, zugleich aber auch
selbstorganisierte Netze der sozialen Kommunikation (lokale Radios und
TV-Stationen) und der sozialen Aneignung aufbauen. Diese soziale Aneignung
könnte man konkret Gebührenboykott - , aber auch perspektivisch
verstehen: Die Sozialfonds, Bildungseinrichtungen und das Gesundheitswesen
sollten in kommunale Selbstverwaltung zurückgeholt werden, bevor
sie vollends geplündert sind. Auch hier gibt es inzwischen erste
Erfahrungen, beispielsweise aus Berlin und Ostdeutschland.
Wie aber könnten derartige lokale Initiativen miteinander in
Kontakt treten? Als Brücke zwischen der lokalen Verortung und der
weltweiten Vernetzung mit anderen Standort-Bewegungen könnten vor
allem die Flüchtlinge und Migrantinnen und Migranten fungieren.
Sie sind überall als kleinere oder größere Sozialgruppen
präsent, und es dürfte nicht schwer fallen, ihre ohnehin schon
bestehenden Kommunikationsstrukturen in das Gegenprojekt einzubeziehen,
sofern sie an den jeweiligen Standorten geschützt und als gleichwertige
Partner respektiert werden. Wenn es gelingt, beispielsweise die reichen
Bremer Erfahrungen in der antirassistischen Flüchtlingsarbeit in
eine lokal oder regional vernetzte Selbstorganisation einzubringen,
dann wäre dies ein exemplarischer Schritt, der vielleicht auch
andernorts vollzogen werden könnte. Mittelfristig sollte aber auch
die Gründung global agierender Basisgewerkschaften vor allem
im Transport- und Kommunikationssektor hinzukommen.
Von großer Bedeutung wäre es nun, diese drei Komponenten
eines social movement unionism auf der jeweiligen Ebene einer lokalen
beziehungsweise regionalen Agglomeration miteinander zu verknüpfen
und parallel dazu durch die Netzwerke der MigrantInnen und Flüchtlinge,
aber auch durch den Auf- und Ausbau internationaler Transportarbeitergewerkschaften
den globalen Kontext herzustellen.
Zu einem glaubwürdigen Gegenprojekt gehören aber auch Überlegungen
und Vereinbarungen darüber, wie eine sozial gerechte und egalitäre
Welt in ihrem globalen Kontext durchzusetzen wäre. Zweifellos kann
eine ernsthafte Alternative gegen die neokonservative Zurichtung der
Welt nur aus ihren lokalen und durch die MigrantInnen und Transport-
und Kommunikationsarbeiter vernetzten Gegenbewegungen hervorgehen. Aber
diese Einsicht macht die seit einigen Jahren forcierten Bemühungen
um weltweite Gegenforen und die in diesen Kontexten beispielsweise bei
attac entstandenen Modelle für globale Alternativen
nicht gegenstandslos. Sie sollten allerdings über ihre punktuellen
Ansätze (Tobin-Steuer) hinaus getrieben und systematisiert werden.
Ein Schritt dazu wäre die Auflistung der wichtigsten Probleme,
die nur noch auf Weltebene gelöst werden können, und das Nachdenken
über mögliche Strukturen zur Umsetzung. Hier muss ich mich
mit ein paar schlagwortartigen Hinweisen begnügen.
Zu den wichtigsten Aufgaben gehört zweifellos eine sofortige weltweite
Abrüstung und die Auflösung aller Armeen. Parallel dazu müssten
die internationalen Finanzmärkte liquidiert und ein globales monetäres
Restrukturierungsprogramm mit transkontinental egalisierender Tendenz
aufgelegt werden. Darüber sollte jedoch nicht die Dringlichkeit
der Überleitung des Know how der internationalen Rohstoffkonzerne
und Energiekartelle zur Ingangsetzung eines egalisierenden und zugleich
ökologisch orientierten Weltenregieprogramms übersehen werden.
Von großer Bedeutung wäre auch die Entmachtung des internationalen
Agro-Business und die Entwicklung eines egalisierenden globalen Agrarprogramms.
Dass auch die Oligopole und Kartelle der Informations- und Medientechnologie
durch global greifende Technologieprojekte mit egalisierender Tendenz
zu ersetzen wären, versteht sich von selbst. Innerhalb der Internet-
und Linux-Kultur gibt es ja durchaus Ansätze in diese Richtung.
Das ist eine sehr unvollkommene Liste, die lediglich die Bedeutung dieser
Reflexionsebene unterstreichen soll.
Auf welcher institutionellen Ebene sollte man aber ansetzen? Ich denke,
dass es sich lohnen würde, jene Weltinstitutionen zu studieren,
die in den letzten Jahren des zweiten Weltkriegs von den Alliierten
geschaffen wurden. Zweifellos sind sie in der Folgezeit durch den Kalten
Kriegs und bei der Bekämpfung der Befreiungsbewegungen der Drei
Kontinente bis zur Unkenntlichkeit deformiert sowie in den vergangenen
zwei Jahrzehnten zur Initiierung der Schocktherapien des
globalen Sozialkahlschlags missbraucht worden. Wenn wir davon aber abstrahieren
und uns diese Modelle vor allem IMF, Weltbank und Vereinte Nationen
in ihrer ursprünglichen Konzeption ansehen, dann erscheinen
sie als durchaus brauchbare Ausgangspunkte: Als Ausgangspunkte wohlgemerkt,
die durch eine kollektive Repräsentation der global vernetzten
Alternative demokratisiert und in Instrumente einer weltweit greifenden
sozialen und wirtschaftlichen Egalisierung umgewandelt werden müssen.
Sie könnten dann als Dachkonstruktion eines föderativ-egalitären
Projekts angesehen werden, das den Globus umspannt und das immer stärker
zur Barbarei tendierende neokonservative Projekt beendet.
Schlussbemerkung
Das alles sind nur erste Überlegungen. Jedoch sprechen gewichtige
Annahmen dafür, dass es drei wesentliche Elemente sein werden,
die geeignet sein könnten, eine realistische Gegenperspektive mit
Leben zu füllen: Erstens die Maulwürfe der sozialen Gegenbewegungen
in den Agglomerationen, zweitens die Netzwerke der MigrantInnen sowie
die AktivistInnen einer weltweit agierenden gewerkschaftlichen Basisbewegung,
und drittens die organischen Intellektuellen, die in diesen
Netzwerken verankert sind und auf den globalen Gegen-Foren übe
r die Wege zu einer sozial gerechten und egalitären Welt nachdenken.
In diesem Sinn sollten wir gemeinsam an die Arbeit gehen skeptisch
und vorschichtig, aber auch im Vertrauen darauf, dass eine Wende zu
sozialer Gleichheit und Gerechtigkeit grundsätzlich möglich
ist.
bei sämtlichen hier veröffentlichten Texten
gehen wir aus verschiedenen Gründen davon aus, dass keinerlei Copyright
vorliegt. Sollte ein Missverständnis vorliegen, meldet euch bitte
bei precarity@prekarisierung.de Allen anderen danken wir ungefragt für
die Möglichkeit der Veröffentlichung.
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